Die Medizin lebt vom Zusammenspiel ihrer Fachrichtungen. Jede Disziplin trägt ihren Blick auf Daten, Muster und klinische Situationen bei, doch erst die Zusammenschau schafft die Grundlage für sichere Entscheidungen. Die Labormedizin ist hier häufig ein zentraler Dreh- und Angelpunkt. In vielen Beiträgen dieser Ausgabe wird klar, wie wichtig der Austausch mit den klinisch arbeitenden Disziplinen ist – und wie sehr die Diagnostik dadurch gewinnt.
Im Leitartikel zur Präanalytik in der Notaufnahme von Alexander von Meyer ist es offensichtlich: Ohne abgestimmtes Arbeiten zwischen Pflege, Labor, Notfallmedizin, IT und Logistik ist die Diagnostik schon vor Beginn der eigentlichen Analytik in Gefahr. Evidenzbasierte Empfehlungen sind hier eine große Hilfe, können aber die Kommunikation zwischen den Disziplinen nur unterstützen und nicht ersetzen.
Ebenso deutlich wird die Relevanz eines Ineinandergreifens der verschiedenen Fachrichtungen im Falle der Hämostaseologie. Christoph Sucker und Kai Gutensohn widmen sich in ihrem Beitrag dem bereits seit Langem etablierten Screeningtest aktivierte partielle Thromboplastinzeit (aPTT). Auch hier können Fehler in der Präanalytik zu fehlerhaften Werten führen. Ohne das Zusammenführen von klinischen Befunden (Anamnese!) und weiteren Laborbefunden ist eine Interpretation der Ergebnisse nicht möglich.
Auch die Autoren des Beitrags zur Thromboinflammation bei Viruserkrankungen Rainer Seitz und Wolfgang Schramm rufen zur interdisziplinären Zusammenarbeit auf. Sie plädieren zugleich dafür, einen Schritt zurückzutreten und die Vielzahl der inzwischen durch intensive Forschung entstandenen Puzzleteile gemeinsam zu betrachten, um – ähnlich wie bei den Nasca-Linien in Peru – ein Gesamtbild zu gewinnen. Zsuzsanna Wolf macht in ihrem Beitrag zu hämatologischen Scores in der Sepsis-Diagnostik deutlich, wie stark die klinische Einschätzung und moderne hämatologische Parameter ineinandergreifen. Gerade in der frühen Erkennung schwerer Infektionen kann dieses Zusammenspiel entscheidend sein.
Auch jenseits der klassischen klinischen Fächer zeigt sich, wie zentral das Zusammenspiel der Disziplinen ist. Für die meisten Labormediziner:innen nicht ganz so alltäglich ist wohl die Zusammenarbeit mit Zahnmediziner:innen. Im Beitrag von Rudolf Raßhofer erhalten wir einen eher auf die Prophylaxe und Therapie fokussierten Einblick in die Bedeutung des Mikrobioms für die Parodontologie.
Zu guter Letzt wird auch bei unserem Schwerpunktthema „Seltene Erkrankungen“ nur wieder allzu deutlich, wie unverzichtbar das Zusammenspiel der Disziplinen ist: Moderne Diagnostik – von der Trockenblutanalytik bis zur Gensequenzierung – entfaltet ihren Nutzen erst dann, wenn klinische Einschätzungen, biochemische Parameter und genetische Befunde zusammengeführt werden. Gerade bei komplexen Krankheitsbildern wie Morbus Fabry oder den Mukopolysaccharidosen zeigt sich, dass nur dieser gemeinsame Blick frühe Diagnosen ermöglicht und Betroffene vor einer langen Odyssee bewahren kann.