Die präanalytische Phase in Notaufnahmen (Emergency Departments; ED) ist ein kritischer Meilenstein im diagnostischen Prozess und essenziell für die klinische Entscheidungsfindung. Sie umfasst sämtliche Schritte von der Testanforderung über die Blutentnahme, die Probenhandhabung und den Transport bis hin zur Vorbereitung für die Laboranalyse. In der Notfallmedizin erhöht der immense Zeitdruck bei gleichzeitig steigenden Patientenzahlen die Fehleranfälligkeit. Dabei gilt die präanalytische Phase als Hauptursache für Fehler in der Labordiagnostik. Diese Fehler führen nicht nur zu falschen oder verzögerten Diagnosen, sondern verursachen auch wiederholte Blutentnahmen und eine verlängerte Aufenthaltsdauer im ED, und sie belasten das Gesundheitssystem ökonomisch und organisatorisch.
Der Anteil der Patient:innen, bei denen eine laborchemische Diagnostik angefordert wird, ist europaweit außerordentlich hoch (etwa 67 %) und in den meisten Fällen untrennbar mit der raschen klinischen Bewertung und der Therapieentscheidung verbunden. Trotz des hohen Anteils an Laboruntersuchungen wird der präanalytische Prozess nicht flächendeckend standardisiert oder systematisch überwacht. Besonders anspruchsvoll ist die Definition und Voraussage der Turnaround-Zeiten (Turnaround Time; TAT), deren Verlängerung unmittelbar zur Verlängerung der Patientenverweildauer (Length of Stay; LOS) beiträgt. Jeder Anstieg der TAT um 30 Minuten führt zu einer durchschnittlichen Verlängerung der ED-Verweildauer um 17 Minuten [1, 2]. Dies unterstreicht die Relevanz effizienter präanalytischer Abläufe zur Optimierung des gesamten Behandlungsprozesses.
Qualitätsindikatoren (Quality Indicators; QI) wie Probenablehnungsraten, die Hämolyserate oder die TAT werden häufig noch nicht einheitlich erfasst oder in das Workflow-Management der Notaufnahme integriert. Gleichzeitig existieren länder- und regionsspezifische Unterschiede bezüglich der Zuständigkeiten für Blutentnahmen, der technischen Ausstattung und der IT-Infrastruktur. Dies erschwert transparente Vergleiche und das Benchmarking zwischen den Einrichtungen.
Diese Problemstellung führte zu einer europäischen Initiative zur systematischen Erhebung der präanalytischen Phase und zur Entwicklung evidenzbasierter Richtlinien für die Blutentnahme in ED mit dem Ziel, die Patientenversorgung sicherer, schneller und qualitativ hochwertiger zu gestalten.
Umfrage über den Status quo
Im Rahmen einer europaweiten Onlinebefragung über den Status quo der präanalytischen Phase in europäischen Notaufnahmen wurden 376 Antworten aus 306 Notaufnahmen und zugehörigen Laboren aus 35 Ländern ausgewertet [3]. Die Umfrage wurde unterstützt durch die Europäischen Fachgesellschaften EuSEN, EUSEM und EFLM. Sie richtete sich an Mediziner:innen im ED, Pflegekräfte und Laborspezialisten mit dem Ziel der Beschreibung und Bewertung der präanalytischen Abläufe in verschiedenen klinischen und regionalen Kontexten.
Die wichtigsten Ergebnisse sind im Folgenden zusammengestellt:
Blutentnahmehäufigkeit
Bei 66,9 % der Patient:innen mit ED-Besuch wurde mindestens eine Blutuntersuchung veranlasst. Der Wert liegt deutlich höher als in vergleichbaren US-amerikanischen Studien (47,7 %) [4].
Professionelle Verantwortlichkeit
Hauptsächlich führen Pflegekräfte die Blutentnahmen durch (44,6 %); in südlichen und südosteuropäischen Ländern übernehmen aber Mediziner:innen häufiger selbst die Testanforderung und Blutentnahme. Diese unterschiedliche Praxis reflektiert auch nationale Ausbildungsstandards und die rechtlichen Vorgaben in verschiedenen Ländern.
IT-Unterstützung
Etwa 65 % der Zentren verwenden elektronische Order-Entry-Systeme (CPOE), wobei allerdings bei 16 % noch papierbasierte Systeme benutzt werden. Größere und wirtschaftlich stark investierende Zentren haben eine signifikant bessere IT-Unterstützung.
Qualitätsindikatoren
Weniger als die Hälfte der Einrichtungen nutzt Labor-Qualitätsindikatoren (QI). Die TAT wird von nur 41,8 % der Zentren konsequent erfasst; dabei definieren 66 % den Startzeitpunkt als Eintritt der Probe ins Labor, während etwa 16 % die Testanforderung als Startpunkt wählen. Das Ziel der Mehrheit der Teilnehmenden sind TAT unter 60 Minuten für die Notaufnahme, die nur in 42,4 % der Proben erreicht werden.
Art des Probentransports
65 % nutzen pneumatische Transportsysteme (PTS), um Proben zeitnah ins Labor zu befördern. Ein Zusammenhang zwischen PTS-Nutzung und erhöhter Hämolyserate konnte statistisch nicht bestätigt werden, jedoch zeigen einige Veröffentlichungen potenzielle Risiken einer erhöhten Probenbelastung.
Probenablehnungen
Die Ablehnungsrate im Labor aufgrund von präanalytischen Fehlern liegt häufig (46 %) über dem erwünschten Standard von < 2 %, insbesondere aufgrund von Hämolyse, Unterfüllung und Gerinnung. Die Hämolyseraten sind insgesamt höher als in anderen Krankenhausabteilungen.
Besondere regionale Differenzen
Nordische Länder zeigen eine im Schnitt höhere technologische Ausstattung und Qualitätsüberwachung als süd- und südosteuropäische Regionen, was auch auf wirtschaftliche und kulturelle Faktoren zurückzuführen ist.
Zusammenfassend verdeutlicht die Umfrage, dass trotz hoher Testfrequenz und grundsätzlicher Verfügbarkeit von IT-Systemen der präanalytische Prozess in vielen europäischen Notaufnahmen nicht ausreichend überwacht oder standardisiert ist. Die heterogene Definition von Qualitätsparametern wie der TAT erschwert die Vergleichbarkeit und gezielte Verbesserungsmaßnahmen. Zudem zeigen sich deutliche regionale und institutionelle Unterschiede in der Verwendung von QI und in der professionellen Verantwortung für die Blutentnahme. Die Autoren der Umfrage betonen, dass ein harmonisiertes und evidenzgestütztes Vorgehen dringend erforderlich ist, um Fehlerquellen in der präanalytischen Phase zu minimieren, die Behandlungsqualität zu erhöhen und die Patientensicherheit im Notfallbereich zu gewährleisten.
Neue Empfehlungen
Die Empfehlungen zur Präanalytik in Notaufnahmen [5] für die Blutentnahme in europäischen Notaufnahmen wurden interdisziplinär und international in Zusammenarbeit der Gesellschaften EUSEM (European Society for Emergency Medicine), EuSEN (European Society for Emergency Nursing) und EFLM (European Federation of Clinical Chemistry and Laboratory Medicine) erarbeitet. Ziel war es, praxisnahe und evidenzbasierte Leitlinien für alle an der präanalytischen Phase beteiligten Professionen – klinisch tätige Mediziner:innen, Pflegekräfte, Phlebotomist:innen und Labormediziner:innen – zu formulieren. Die besonders strukturierte methodische Vorgehensweise der Erstellung finden Sie in Abb. 1.