Der Begriff „selten“ ist im medizinischen Kontext trügerisch. Jede der vielen tausend seltenen Erkrankungen betrifft zwar nur wenige Menschen, doch zusammengenommen sind weltweit Millionen von Menschen betroffen. Die sogenannten „Waisen der Medizin“ stellen unser gesamtes Gesundheitssystem, die Forschung und die Gesellschaft vor immense Herausforderungen. Wie Elke Holinski-Feder, Karin von Schwarzenberg und Barbara Klink in ihrem Auftaktbeitrag darlegen, bleibt die Versorgung der Betroffenen oft unzureichend. Viele erleben eine jahrelange Odyssee, bis sie eine gesicherte Diagnose erhalten – wenn überhaupt. Unser Heftschwerpunkt widmet sich diesen Herausforderungen und zeigt den Status quo sowie die Perspektiven in einem sich rasant entwickelnden Feld.
Zweifellos hat die Technologie des Next Generation Sequencing (NGS) die Diagnostik revolutioniert. Sie ermöglicht es, das Erbgut in einer nie dagewesenen Geschwindigkeit und Tiefe zu analysieren. Doch NGS ist kein Allheilmittel: Trotz dieser Fortschritte erhalten noch lange nicht alle Patient:innen eine korrekte Diagnose oder eine kausale Therapie. Die schiere Vielfalt der Erkrankungen ist überwältigend.
Gleichzeitig sehen wir, was möglich ist, wenn Diagnose und Therapie ineinandergreifen: Der Morbus Fabry, von Tim Bender treffend als „therapierbares Chamäleon“ bezeichnet, ist ein solches Beispiel. Diese X-chromosomal vererbte lysosomale Speichererkrankung präsentiert sich mit einer Fülle diffuser Symptome, von neuropathischen Schmerzen bis hin zu Nierenversagen. Dank moderner Diagnostik, die niedrigschwellig per Trockenblut (Bestimmung der α-Galactosidase-A-Aktivität und Lyso-Gb3) sowie Gensequenzierung verfügbar ist, kann die Krankheit früh erkannt werden. Dann ist Morbus Fabry behandelbar, und schwere
Organschäden können vermieden werden.
Die Früherkennung ist auch bei den Mukopolysaccharidosen (MPS) entscheidend, wie Rudolf Gruber und Christina Lampe herausarbeiten. Bei dieser Gruppe von lysosomalen Speicherkrankheiten ist der Abbau von Glykosaminoglykanen gestört. Auch hier ist das klinische Bild variabel und die Diagnose eine Herausforderung. Zwar sind die MPS nicht heilbar, doch rechtzeitig angewandt können verfügbare Therapien den Verlauf verlangsamen und die Lebensqualität signifikant verbessern.
Der Fokus auf High-Tech-Diagnostik birgt auch Gefahren: Carl Thomas Nebe mahnt bei der Diagnostik seltener Anämien zu Recht, nicht auf die Basisdiagnostik zu verzichten. Molekulargenetische Methoden sind teuer und aufwendig. Eine sorgfältige klinische Vorarbeit und die Abklärung häufiger Ursachen – Eisenmangel, Entzündung und Niereninsuffizienz – sind zwingend notwendig. Sie verhindern vorschnelle und kostenintensive Spezialanalysen und sind oft der direkte Weg zur richtigen Diagnose.
Die größte Herausforderung bleibt jedoch dort, wo selbst eine gesicherte Diagnose noch keine Therapieoptionen eröffnet. Das von Ann C. M. Smith und Astrid Diederichs vorgestellte Smith-Magenis-Syndrom (SMS) ist ein solches Beispiel. Verursacht durch eine Deletion auf Chromosom 17p11.2 oder eine Mutation im RAI1-Gen, führt das SMS zu schwerwiegenden kognitiven Beeinträchtigungen, massiven Verhaltensauffälligkeiten wie Impulsdurchbrüchen und selbstverletzendem Verhalten sowie schweren Schlafstörungen. Obwohl die Diagnose molekulargenetisch klar gestellt werden kann, klafft, wie die Autorinnen betonen, eine „große Forschungslücke“.
Dieser Schwerpunkt zeigt die enorme Bandbreite der seltenen Erkrankungen. Er verdeutlicht die Möglichkeiten der modernen Genetik, aber auch ihre Grenzen. Und er zeigt, wie viel trotz spürbarer Fortschritte noch zu tun ist, um den „Waisen der Medizin“ gerecht zu werden.