In vielen Beiträgen dieses Heftes wird deutlich, dass sich der Fokus der (Labor-)medizin immer weiter von der bloßen Diagnose von Erkrankungen weg hin zur Prävention und frühzeitigen Risikoerkennung verschiebt.
Insgesamt ist dieses Konzept natürlich nicht neu: Die Masern beispielsweise konnten durch konsequente Impfmaßnahmen in einigen skandinavischen Ländern bereits eliminiert werden. Der Beitrag von Wolfgang Jilg zeigt jedoch deutlich, dass die Erkrankung weltweit keinesfalls unter Kontrolle ist: Durch mangelnde Impfbereitschaft nahmen die Masernfälle in den vergangenen zwei Jahren wieder deutlich zu. Es besteht also weiterhin Handlungsbedarf.
Deutlich moderner ist das Konzept der Longevity-Medizin, das Sisa Lema Cachiguango in ihrem Artikel beschreibt. Hier sollen biologische Alterung und langfristige Risiken abgeschätzt werden. Klassische und neue Biomarker lassen Rückschlüsse auf die Vulnerabilität, Inflammation und die metabolische Reserve zu.
Auch etablierte Marker wie Calprotectin, das bereits seit vielen Jahren in der Diagnostik und Verlaufskontrolle von chronisch-
entzündlichen Darmerkrankungen eingesetzt wird, können – wie im Beitrag von Sabrina Holzapfel und Sven Wellmann beschrieben – neue Aufgaben bekommen: Bei COVID-19 oder kardiovaskulären Erkrankungen könnte Calprotectin in Zukunft vielleicht als prognostischer Parameter in der Risikostratifikation dienen.
Der Wandel zur Antizipation entsteht jedoch nicht allein durch neue Biomarker. Um Prävention sinnvoll in die medizinische Versorgung einbetten zu können, sind bestimmte strukturelle Voraussetzungen nötig. Ein Baustein könnte hier eine patientenorientierte, wenig invasive Probenentnahme sein. Michael Witting stellt mit der volumetrischen adsorptiven Mikroprobenahme, kurz VAMS, eine solche vor. Sie ermöglicht orts- und zeitunabhängig engmaschige Probenentnahmeintervalle für die Überwachung kritischer Gesundheitsindikatoren.
Wenn es um Strukturen in der Labormedizin geht, kommt man in der heutigen Zeit natürlich an unserem Schwerpunktthema Informationstechnologie nicht vorbei. Neben dem Einsatz von Large Language Models und der Schaffung von standardisierten Schnittstellen als Grundlage für ein vernetztes Labor ist auch eine geeignete Datenarchitektur von großer Bedeutung: Sie speichert Informationen nicht nur, sondern macht sie longitudinal verfügbar und kontextualisiert sie.
Diese Punkte sind keine technischen Details, sondern strategische Elemente. Wer Risiken früh erkennen will, muss Daten verlässlich strukturieren und verfügbar machen. Erst dann wird aus Messung eine vorausschauende Entscheidung.