Wie entstehen Allergien?

Schwere Geschütze

Wenn im Frühjahr die Pollen durch die Luft schwirren, wird sich manch ein Allergiker fragen: Wie kann es sein, dass ein so hochentwickeltes Immunsystem, das normalerweise feinste Unterschiede zwischen gut- und bösartigen Zellen oder nützlichen und schädlichen Bakterien erkennt, bei der Konfrontation mit völlig harmlosen Substanzen dermaßen überreagiert? Und warum werden Allergien immer häufiger?

Die verbreitetste Hypothese besagt, dass wir im Lauf der Evolu­tion gelernt haben, uns von frühester Kindheit an gegen Viren, Bakterien und Parasiten zu wehren, und dass dieser Trainingsreiz heute – in einer vergleichsweise sterilen Umwelt – entfällt. In­tuitiv klingt das plausibel: Eine „Armee“, die keine großen Gefahren mehr kennt, fährt schon bei Kleinigkeiten schwere Geschütze auf, im vorliegenden Fall u. a. Killer- und Mastzellen, IgE und Histamin. Aber bio­chemische  Belege für diese schöne Theorie sind noch spärlich.


Die Toxin-Hypothese

Seit einem Vierteljahrhundert steht als alternativer Erklärungsversuch für die Entstehung von  Allergien die „Toxin-Hypothese“ im Raum, die von einer Außenseiterin des Wissenschaftsbetriebs aufgestellt und deshalb lange Zeit nicht ernst genommen wurde. Die amerikanische Physikerin und Philosophin Margaret J. Profet behauptete, dass die „schweren Geschütze“ der Allergie eigentlich gegen Schlangen- und Insektengifte gerichtet seien.

2013 fand diese Vermutung durch unabhängige  Beobachtungen von Stephen Galli in Stanford und Ruslan Medzhitov in Yale eine erste biochemische Bestätigung. Die Forscher zeigten, dass geringe Dosen von Bienengift, die beim Menschen durchaus für eine Allergisierung ausreichen würden, Mäuse im Sinne einer Schutzimpfung gegen eine später verabreichte, potenziell tödliche Giftdosis immunisieren können.

Im Dezember 2014 berichtete Galli auf einer Konferenz in Belgien über ähnliche Immunisierungserfolge mit dem Gift der gefährlichsten Schlange Süd­ostasiens, der Kettenviper. Und er lieferte auch gleich einen biochemischen Mechanismus mit: IgE bindet bei Kontakt mit dem Gift an einen hochaffinen Rezeptor auf Mastzellen, die daraufhin Proteasen gegen die von der Viper gebildete, tödliche Phospholipase A2 ausschütten.


Hilfreiche Würmer

Hygiene- und Toxin-Hypothese sind keineswegs so unvereinbar, wie es auf den ersten Blick aussehen mag, denn auch die Abwehr von Maden-, Spul- und Bandwürmern in Darm, Lunge und anderen Körperhöhlen basiert u. a. auf IgE und Mastzellen.

Allerdings schlossen Mensch und Parasit im Laufe ihrer Co-Evolution eine Art biochemischen Deal: Die Würmer lernten, unser Immunsystem durch Stimulation regulatorischer T-Zellen so zu modulieren, dass sie vor allzu heftigen, IgE-bedingten Angriffen geschützt waren. Diese Dämpfung wiederum bewahrte ihren Wirt vor ständigen Durchfällen und Hustenattacken.

So schließt sich der Kreis womöglich:  Dadurch dass wir in den Industrienationen parasitäre Würmer praktisch ausgerottet haben, fehlt uns möglicherweise auch deren immunmodulatorische, antiallergische Wirkung. Auch das ist nur eine Hypothese, aber man weiß zumindest seit Längerem, dass steril aufgezogene Mäuse durch Infektion mit Darmwürmern tatsächlich vor Allergien geschützt werden können.

Was haben die armen, Pollen-geplagten Allergiker von diesen Erkenntnissen? Sollen sie sich von Bienen stechen und von Würmern besiedeln lassen? Erfreulicherweise fand man inzwischen Entero­toxine und sekretorische Proteine aus Darmbakterien und Würmern, die auch in Reinform immunmodulatorisch wirken. So eröffnet die Toxin-Hypothese Chancen für eine gezielte Allergieprophylaxe ohne Applikation lebender Organismen.    

Dr. Michael Groß

Mitglied der Redaktion