Metastasiertes Pankreas­karzinom: neue Behandlungs­option in der Zweitlinie

Die Therapiemöglichkeiten für Patienten mit fortgeschrittenem oder metastasiertem Pankreaskarzinom sind begrenzt. In der Erstlinie ist der Einsatz von Gemcitabin-haltigen Regimes Behandlungsstandard. Seit Kurzem steht mit liposomalem Irinotecan (nal-IRI) eine Substanz für die Zweitlinie zur Verfügung, die in Kombination mit 5-Fluorouracil (5-FU) und Folinsäure (FS) in einer Studie das Gesamtüberleben um etwa zwei Monate gegenüber alleiniger 5-FU/FS-Gabe verlängerte [1].

Die Prognose für Patienten mit Pan­kreaskarzinom ist ungünstig, weil die Erkrankung oft erst spät entdeckt wird – so sei der Tumor bei der Hälfte der Patienten zum Zeitpunkt der Diagnose bereits metastasiert und bei etwa einem Drittel inoperabel, erklärte Prof. Hanno Riess von der Charité in Berlin. Nur etwa 5% der Betroffenen könnten kurativ behandelt werden. Daher habe die symptomorientierte palliative Chemotherapie einen großen Stellenwert, wobei der Erhalt bzw. die Verbesserung der Lebensqualität im Vordergrund stehe. Je nach Allgemeinzustand des Patienten komme 5-FU/FS, Gemcitabin (+/- nab-Paclitaxel) oder FOLFIRINOX zum Einsatz. Man könne auch in der Zweitlinie – bei intensiv vorbehandelten Patienten – das Überleben weiter verbessern, gleichzeitig bestehe ein Bedarf für neue Therapien, sagte Riess. Seit November letzten Jahres steht mit dem pegylierten liposomalen Irinotecan (nal-IRI; Onivyde®) in Kombination mit
5-FU/FS eine neue Therapieoption für Patienten mit metastasiertem Pankreaskarzinom zur Verfügung, deren Erkrankung unter einer Gemcitabin-basierten Chemotherapie fortgeschritten ist. Das pegylierte liposomale Irinotecan ist eine verkapselte und lang im Blutkreislauf zirkulierende Form von Irinotecan, die den Transport des Wirkstoffes verbessern und die Expositionsdauer verlängern soll.

Gut getarnt zum Tumor

„Nal-IRI bzw. sein aktiver Metabolit SN-38 wird in Lipidmembran-Kügelchen versteckt zum Tumor transportiert“, erklärte Prof. Arndt Vogel, Medizinische Hochschule Hannover. So werde der Wirkstoff nicht über die Leber verstoffwechselt, verbleibe länger im Plasma und erreiche eine hohe Konzentration am bzw. im Tumor. SN-38 werde von tumorassoziierten Ma­krophagen freigesetzt und von den Tumorzellen aufgenommen, beschrieb er das Wirkmodell.
In der Zulassungsstudie NAPOLI-1, einer randomisierten Phase-III-Studie mit 417 Patienten mit metastasiertem duktalem Adenokarzinom des Pankreas, konnte eine Verlängerung des Überlebens durch die Behandlung mit nal-IRI in Kombination mit 5-FU/FS nach einer Gemcitabin-basierten Therapie gezeigt werden [1]. Untersucht wurde nal-IRI (80mg/m2) in Kombination mit 5-FU/FS intravenös alle zwei Wochen und als Monotherapie (120mg/m2) in dreiwöchentlicher Gabe.
Das Gesamtüberleben (OS) konnte unter nal-IRI in Kombination mit 5-FU/FS im Vergleich zur alleinigen 5-FU/FS-Therapie signifikant verlängert werden (medianes OS: 6,1 vs. 4,2 Monate; nicht-stratifizierte HR 0,67; 95%-Konfidenzintervall
0,49–0,92, p = 0,012). Auch in den sekundären Endpunkten zeigte nal-IRI Überlegenheit gegenüber der Kontrollgruppe: Das mediane progressionsfreie Überleben (PFS) von nal-IRI plus 5-FU/FS konnte gegenüber 5-FU/FS verdoppelt werden von 1,5 auf 3,1 Monate (nicht-stratifizierte HR 0,56; 95%-KI 0,41–0,75, p < 0,0001). Die Gesamtansprechrate (ORR) lag für die mit nal-IRI plus 5-FU/FS behandelten Patienten bei 16% vs. 1% in der 5-FU/FS-Kohorte (Differenz 15,4%; 95%-KI 8,5–22,3%, p < 0,0001). Darüber hinaus ergab sich ein besseres Ansprechen beim Tumormarker CA19-9 in der Gruppe mit der kombinierten Therapie (28,9 vs. 8,6%; p = 0,0006).
Zudem zeigte sich die Tendenz, dass alle Subgruppen (unabhängig z. B. von Alter, dem Vorliegen von Lebermetastasen, ethnischer Zugehörigkeit) von der nal-IRI-Gabe in Kombination mit 5-FU/FS profitierten, obgleich die Patientenzahlen in den Subgruppen relativ klein waren, so Vogel.
„Wir können durch die Kombinationsbehandlung das Überleben der Patienten signifikant um zwei Monate verlängern“, so Vogel. Allerdings sei eine Therapie immer eine Balance zwischen der Verhinderung von Tumorsymptomen und möglichen Nebenwirkungen. Auch wenn numerisch mehr Nebenwirkungen unter der Kombinationstherapie auftraten, habe es keine vermehrten Therapieabbrüche gegeben. Die häufigsten Nebenwirkungen vom Schweregrad 3 oder 4, die bei mehr als 10% der mit nal-IRI plus 5-FU/FS behandelten Patienten auftraten, waren Neutropenie, Fatigue, Diarrhö und Erbrechen. Es gebe Hinweise dafür, dass Patienten auch in der Erstlinien-Therapie von nal-IRI profitieren könnten – entsprechende Studien laufen derzeit, berichtete Vogel.

Susanne Pickl


Literatur
1. Wang-Gillam A et al. Nanoliposomal irinotecan with fluorouracil and folinic acid in metastatic pancreatic cancer after previous gemcitabine-based therapy (NAPOLI-1): A global, randomised, open-label, phase 3 trial. Lancet 2016; 387: 545-57.


Launch-Pressekonferenz „Neue Perspektive für Patienten mit fortgeschrittenem Pankreaskarzinom“ am 18.11.2016 in Berlin, veranstaltet von Shire Deutschland GmbH, Berlin.