„Nebel im Kopf“ – das umschreibt eindrücklich die kurz- bis langfristige oder sogar dauerhaft anhaltende funktionelle Störung, die Krebspatienten erleiden können. Die sogenannte kognitive Dysfunktion schränkt die Aufmerksamkeit, die Konzentrationsfähigkeit, Denkprozesse, die Gedächtnisleistung, die Lernfähigkeit und die Fähigkeit, komplexe Aufgaben zu erledigen, in verschiedenem Maße ein. Die Inzidenz von tumor- und therapieassoziierter kognitiver Dysfunktion liege bei bis zu 75 % für Menschen mit Nicht-ZNS-Tumoren, erklärte PD Dr. Georgia Schilling, Hamburg, beim 22. AIO-Herbstkongress 2025. „Kognitive Einschränkungen gehören zu den häufigsten und belastendsten Folgeerscheinungen durch die Tumordiagnose oder deren Therapie, und sie haben erheblichen negativen Einfluss auf die Lebensqualität von Krebs-Langzeitüberlebenden“, teilte sie mit.
Multifaktorielles Geschehen
Es handele sich um ein multifaktorielles Geschehen, bei dem der Tumor selbst, die Therapie, soziodemografische, genetische, physische, psychische und biologische Faktoren eine Rolle spielen, ebenso wie Komorbiditäten und der Lebensstil der Patienten. „Kognitive Einschränkungen von Tumorpatienten sind ein noch zu wenig wahrgenommenes Problem. Bislang sind nur wenige Daten publiziert. Deshalb ist auch die Bedeutung für die sozialmedizinische Begutachtung noch unklar“, erklärte sie. So gebe es für Immuncheckpoint-Inhibitoren keine belastbaren Daten, und die Wertigkeit der endokrinen Therapie sei umstritten. Immerhin sei bekannt, dass aus zentralnervösen Nebenwirkungen der Tyrosinkinase-Inhibitoren und Immunmodulatoren eine kognitive Dysfunktion resultieren könne. „Daneben ist die Radiotherapie ein erhebliches Problem; bei 50 bis 90 % der Patienten kommt es nach zerebraler Radiatio auch noch nach drei bis 46 Monaten zu kognitiver Dysfunktion“, wusste Schilling. Ebenso ist das Risiko für ältere Erkrankte erhöht, nach Operationen eine kognitive Dysfunktion zu entwickeln, die aber nach circa drei Monaten rückläufig sei.
Diagnostischer Standard fehlt
Eine große Schwierigkeit sieht Schilling darin, dass es bisher keinen diagnostischen Standard für die kognitive Dysfunktion gibt. „Insbesondere für die Frage der Teilhabe am Erwerbsleben wäre eine schnelle und einfach durchzuführende Untersuchungsmethode zur Objektivierung der kognitiven Dysfunktion wünschenswert“, regte die Onkologin an.
Die kognitive Dysfunktion habe einen erheblichen Einfluss auf die Rückkehr ins Berufsleben: „Patienten mit signifikanter Einschränkung nehmen weniger häufig ihre berufliche Tätigkeit wieder auf. Das gilt vor allem für jene mit besonderen beruflichen Anforderungen an die kognitive Funktion“, erklärte Schilling. Allerdings könnten sich sechs bis neun Monate nach Therapieende deutliche Verbesserungen der Hirnleistung einstellen. „In der onkologischen Nachsorge sollte man regelmäßig eine kognitive Dysfunktion berücksichtigen und darauf screenen“, empfahl sie.
Therapiemöglichkeiten begrenzt
Die Therapiemöglichkeiten der kognitiven Dysfunktion sind sehr begrenzt. Hilfreich seien regelmäßige Kreuzworträtsel, Rechen-, Sprach- und Merkspiele. Daneben könnte man den Patienten Sport empfehlen: Zwar habe Bewegung keinen direkten Einfluss, aber diese könne Fatigue und Schmerzen lindern – wichtige Kofaktoren für die kognitive Dysfunktion. „Besonders gut sind meditative Ansätze wie Mindfulness-based Stress-Reduction, Yoga oder Qigong“, meinte sie. Für verhaltenstherapeutische Interventionen sei die Datenlage zwar noch nicht überzeugend, trotzdem sieht Schilling sie als Teil eines multimodalen Konzepts. Auch für die medikamentöse Therapie fehlt es an Evidenz. Vielversprechend seien hingegen webbasierte neurokognitive Rehabilitationsprogramme und digitale Unterstützungsmöglichkeiten, zum Beispiel zum Gedächtnistraining.