Diagnostik von geriatrischen Patienten an mögliche Therapie anpassen
Die meisten Patienten mit einem Prostatakarzinom sind älter, oft gebrechlich und komorbide. Die alleinige Therapie der Krebserkrankung ist daher nicht ausreichend. Mit dem demografischen Wandel würden neue Herausforderungen der ambulanten und stationären Versorgung der älteren und hochbetagten Patienten einhergehen, erklärte Prof. Andreas Manseck, Ingolstadt. Er erklärte aus Sicht des Urologen, was bei einem geriatrischen Prostatakarzinompatienten zu beachten ist.
Der urologische Patient und der geriatrische Patient haben Eigenschaften, die sich zusammengenommen noch negativer auswirken als der alleinige Fall. Aus klinischen Studien gibt es nicht viele Studienergebnisse für ältere multimorbide Erkrankte, da sie in der Regel von der Teilnahme ausgeschlossen sind. Auch die Leitlinien würden sich – entsprechend der Evidenz aus den klinischen Studien – überwiegend an jungen und „gesunden“ Patienten ausrichten, bemerkte Manseck. Hinweise aus der S3-Leitlinie Prostatakarzinom zum Umgang mit komorbiden Patienten gäbe es aber beispielsweise für die Magnetresonanztomografie (MRT) im Rahmen der Primärdiagnostik. Eine MRT solle nur bei handlungsrelevanten Konsequenzen durchgeführt werden, und vor der Anwendung dieser Bildgebungsmethode sollen das Alter und die mutmaßliche Lebenserwartung berücksichtigt werden, heißt es [1].
Als wichtige geriatrische Entscheidungskriterien, die er selbst bereits für die Diagnostik einfließen lasse, nannte Manseck:
- die Lebenserwartung nach den Daten des Statistischen Bundesamts,
- die Lebenserwartung anhand der vorliegenden Komorbiditäten,
- die Wahrscheinlichkeit eines Tumorprogresses innerhalb der verbleibenden Lebenszeit und
- die Wahrscheinlichkeit, innerhalb der erwarteten Restlebenszeit am Prostatakarzinom zu versterben.
Die zentralen Fragen, die man sich bezüglich der Durchführung einer Diagnostik mit anschließender Therapie stellen müsse, seien, ob die Lebensqualität oder die Lebensverlängerung im Vordergrund stünden und ob der Nutzen der Behandlung größer als der Schaden durch Nebenwirkungen sei. Dabei erfordere der veränderte körperliche, kognitive und mentale Zustand des Patienten eine gesonderte Einschätzung zur Vulnerabilität und Gebrechlichkeit.
Die S3-Leitlinie Prostatakarzinom empfiehlt mit dem Watchful Waiting eine Strategie zur Vermeidung einer Therapie bei nicht symptomatischen Patienten und mutmaßlich limitierter Lebenserwartung [1]. Komme es unter der Beobachtung zu einer symptomatischen Progression, solle eine palliative Therapie erfolgen. Die Reihenfolge sei wichtig, erklärte Manseck: Man sollte zunächst mit dem älteren Patienten dessen Wünsche evaluieren und dessen Ängste nehmen, dann ein geriatrisches Assessment durchführen sowie Vor- und Nachteile einer Therapie für den Patienten abwägen und erst dann eine adäquate Diagnostik durchführen oder alternativ Watchful Waiting ohne vorhergehende Diagnostik wählen.
Erholsame Therapiepausen für Urothelkarzinompatienten
Therapiepausen können einen positiven Effekt auf die Lebensqualität haben, da die Behandlung einer Krebserkrankung für die meisten Betroffenen mit physischen und psychischen Belastungen einhergeht. In einer Studie der LMU München wurde dieser Aspekt beim Urothelkarzinom in einer monozentrischen Pilotstudie untersucht [2].
Die Behandlung des lokal fortgeschrittenen oder metastasierten Urothelkarzinoms mit einer hochfrequenten Systemtherapie verlängert das Überleben; häufig müssen aber ungeplante Therapiepausen durchgeführt werden. In der Münchener Studie wurde der Effekt von ungeplanten Therapiepausen sowie von geplanten Therapiepausen und der kontinuierlichen Therapie verglichen. Dazu konnten die Daten von 20 Erkrankten mit einem durchschnittlichen Alter von 74 Jahren ausgewertet werden.
Die Betroffenen hatten mindestens einen Therapiezyklus eines Antikörper-Wirkstoff-Konjugats (ADC) plus eine Checkpoint-Immuntherapie (ICI) (n = 13), eine alleinige ADC-Therapie (n = 5) oder eine alleinige ICI-Therapie (n = 2) erhalten.
75 % der Erkrankten befanden sich in der ersten und 25 % in einer späteren Therapielinie. 75 % der Patienten hatten zuvor bereits sechs oder mehr Therapiezyklen bekommen. Eine nebenwirkungsbedingte Dosisreduktion wurde bei 65 % der Teilnehmenden notwendig. 75 % der Erkrankten setzten die Therapie geplant für mehrheitlich über sieben Tage aus, und bei 90 % der Behandelten musste die Therapie hauptsächlich aufgrund von Nebenwirkungen ungeplant unterbrochen werden. Die Analyse der Lebensqualität mithilfe der Fragebögen EORTC QLQ-F17 und -FA12 zeigte eine Tendenz zur Verbesserung der Lebensqualität durch die Therapiepausen. Von statistischer Signifikanz zeigte sich der Unterschied bezüglich des Einflusses auf das tägliche Leben.
Trotz der kleinen Fallzahl ließen sich in der Pilotstudie erste Hinweise auf den positiven Einfluss von Therapiepausen auf die Lebensqualität von Erkrankten mit Urothelkarzinom beobachten, so das Fazit der Autoren.