Non-Hodgkin-Lymphome (NHL) bei Kindern und Jugendlichen

Maligne Lymphome sind nach den akuten Leukämien und den Tumoren des Zentralnervensystems die dritthäufigsten malignen Erkrankungen von Kindern und Jugendlichen. Non-Hodgkin-Lymphome (NHL), einschließlich der großzelligen anaplastischen Lymphome (Anaplastic large cell lymphoma; ALCL), sind bei Kindern und Jugendlichen etwas häufiger als das Hodgkin-Lymphom (HL). Dabei stellen die NHL eine heterogene Gruppe dar: Das Spektrum reicht von malignen Erkrankungen der Vorläufer-T- und -B-Lymphoblasten bis zu Neoplasien weiter ausdifferenzierter T- und B-Zellen (periphere T- und B-Zell-Lymphome). Mit den heutigen, nach biologischen Lymphom-Entitäten und dem Lymphom-Stadium stratifizierten Behandlungskonzepten können derzeit über 85% der Kinder und Jugendlichen mit NHL mit einer dauerhaften Heilung rechnen. Damit rücken die negativen Therapiefolgen stärker in den Blickpunkt: Langzeitüberlebende Kinder und Jugendliche mit NHL müssen einer lebenslangen onkologischen Tumornachsorge zugeführt werden, um therapiebedingte Spätfolgen möglichst frühzeitig zu erkennen und zu behandeln. Dies bedeutet, dass die derzeitigen Therapiestrategien für jede biologische Subentität und für jedes Ausbreitungsstadium dem Risiko angepasst werden müssen und auch hier immer unter dem Motto stehen: „So viel Therapie wie nötig, aber so wenig wie möglich.“

Schlüsselwörter: Non-Hodgkin-Lymphome (NHL), Anaplastische großzellige Lymphome (ALCL), Kinder und Jugendliche, Polychemotherapie, Spätfolgen

1. Einleitung und historischer Hintergrund

Non-Hodgkin-Lymphome (NHL) bei Kindern und Jugendlichen unterscheiden sich in wesentlichen Punkten von NHL bei Erwachsenen (s. Tab. 1). NHL sind bei Kindern und Jugendlichen wesentlich seltener als akute lymphoblastische Leuk­ämien (ALL). Das Verhältnis von ALL und NHL ist etwa 6 : 1, im Gegensatz zu Erwachsenen, bei denen NHL wesentlich häufiger vorkommen als die ALL. Nahezu alle NHL bei Kindern und Jugendlichen sind hochmaligne; niedrigmaligne NHL sind hier eine Rarität (< 2%). Bei Kindern und Jugendlichen kommen wesentlich weniger Subentitäten des NHL vor als bei Erwachsenen. Lymphoblastische B- sowie B-Zell-Precursor- und T- sowie T-Zell-Precursor-NHL sind bei Kindern und Jugendlichen wesentlich häufiger (etwa 25% aller NHL) als bei Erwachsenen (< 5%). Anaplastische großzellige Lymphome (ALCL) kommen bei Kindern und Jugendlichen häufiger vor (etwa 15% aller NHL) als bei Erwachsenen (< 5%). 

Die drei biologischen Hauptentitäten der NHL bei Kindern und Jugendlichen: B-NHL einschließlich B-ALL und diffus-großzellige B-Zell-Lymphome (DLBCL); lymphoblastische NHL und ALCL bedürfen einer jeweils unterschiedlichen und dem jeweiligen Ausbreitungsstadium angepassten Therapie. Mehr als die Hälfte der NHL bei Kindern und Jugendlichen sind Burkitt-Lymphome (BL), einschließlich der B-ALL und der DLBCL. In den ersten Therapiestudien der BFM (Berlin-Frankfurt-Münster)-Gruppe wurden Kinder und Jugendliche mit NHL identisch behandelt wie Kinder und Jugendliche mit ALL [1], das heißt mit einer intensiven Induktions-Polychemotherapie, gefolgt von einer intensiven Re-Induktions-Polychemotherapie und einer oralen Erhaltungstherapie bis zu einer Gesamttherapiedauer von 24 Monaten [2]. Es stellte sich bald heraus, dass diese Therapiestrategie sehr gute Behandlungsergebnisse für lymphoblastische NHL ergab, die im selben Bereich lagen, wie die Therapieergebnisse der ALL. Bei der größten Patientengruppe im Kindes- und Jugendalter, den Burkitt-Lymphomen, erbrachte diese Therapiestrategie jedoch eine deutlich schlechtere Prognose. Daher beschloss die BFM-Gruppe in den 1980er-Jahren eine Trennung der Therapieprotokolle für ALL und für NHL, wobei die B-ALL mit komplettem B-Immunphänotyp identisch behandelt wurden wie Burkitt-Lymphome im Stadium IV [3].

Die Ära der Chemotherapie der NHL begann in Afrika, wo Dennis Burkitt mit dem Einsatz von Cyclophosphamid langfristige Remissionen bei Kindern und Jugendlichen mit dem später nach ihm benanntem, meist zervikal lokalisierten Lymphom erzielen konnte [4]. Ein wesentlicher Schritt zur Verbesserung der Langzeitprognose von Kindern und Jugendlichen mit NHL kam mit der Einführung der Polychemotherapie, zunächst mit einer Kombination aus Cyclophosphamid, Vincristin (Oncovin), Methotrexat und Prednison (COMP; [5]), dem LSA2-L2-Protokoll [6] und in Deutschland mit dem West-Berliner Therapieprotokoll zur Behandlung der ALL, eingeführt durch H. J. Riehm [1, 2]. Der nächste entscheidende Fortschritt der Therapieentwicklung von NHL bei Kindern und Jugendlichen war die Erkenntnis, dass die Behandlung von lymphoblastischen und nicht-lymphoblastischen Lymphomen unterschiedliche Therapiestrategien erfordert [2, 7, 8].