Vom Spiel- zum Werkzeug

Gastkommentar

Mit der virtuellen Mikroskopie verhält es sich in Umfragen wie mit E-Autos: technologisch faszinierend und trotzdem keine echte Alternative. Zugegeben, der Vergleich hinkt, denn digitale Pathologie vermittelt völlig neue, bisher nicht verfügbare Fähigkeiten, was vom Autofahren mit Batterie statt Benzin nicht erwartet werden kann. Aber ebenso, wie das E-Auto nur als Teil eines Mobilitätssystems verstanden werden kann, ist die virtuelle Mikroskopie nur als Komponente eines morphologisch-diagnostischen Systems sinnvoll.

Und hier hakt es in beiden Fällen: Für das virtuelle Mikroskop gibt es – ebenso wie für das E-Auto – noch keine ausreichend entwickelte Infrastruktur. Der digitale Workflow muss in die Routine eines Instituts oder einer Praxis für Pathologie nahtlos integrierbar sein, einschließlich Konsultation, Qualitätsmanagement, Aus- und Weiterbildung. Bisher aber sind diese so stark interdependenten Bereiche unserer Arbeit ungenügend aufeinander abgestimmt, kaum modelliert und im seltensten Fall interoperabel.

Das virtuelle Mikroskop schöpft seine Potenziale nicht voll aus, weil es nur Teilbedürfnisse einer eigentlich systemischen Arbeitswelt befriedigt. Wenn aber die tiefe Integration in den Gesamtprozess geschafft ist, kann aus einem teuren technischen Spielzeug ein unverzichtbares diagnostisches Werkzeug werden.


Prof. Dr. Gunter Haroske

Krankenhaus Dresden-Friedrichstadt


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