Die saisonale Depression

Mehr Licht

Wenn Sie sich in den Wintermonaten schlaff und antriebslos fühlen, dann ist daran vielleicht die Zirbeldrüse schuld. Descartes glaubte, sie sei der Sitz der Seele, weil sie im Gegensatz zum ansonsten paarig angelegten Gehirn nur einmal vorkommt und somit „einzigartig“ ist. Heute wissen wir, dass sie etwas mit der inneren Uhr zu tun hat, die unseren Stoffwechsel dem Tagesrhythmus anpasst.
Dieser innere Taktgeber ermittelt (unbewusst) auch den Wechsel der Jahreszeiten, indem er nämlich die erwartete Tageslänge mit der tatsächlichen vergleicht und somit merkt, wenn im Herbst die Tage kürzer werden. Es wird kälter, die Nahrung wird knapper, der Stoffwechsel will Energie sparen. Einige Tiere halten Winterschlaf, und auch viele Menschen werden nun schneller müde. Bei manchen führt dieser Energiesparmodus zu einer veritablen Depression, und in seltenen Fällen kann auch eine bi­polare Störung, also eine Schwankung zwischen Depression und Manie, im saisonalen Rhythmus auftreten.
Obwohl bereits Hippokrates die herbstliche Melancholie kannte, gibt es eine offizielle wissenschaftliche Beschreibung als seasonal affective disorder (SAD, deutsch auch als „saisonal abhängige Depression“ interpretiert) erst seit 1984. Im internationalen Klassifikationssystem ICD-10 wird das Phänomen jahreszeitlicher Stimmungsschwankungen  als Untergruppe affektiver Störungen (F33) geführt.

Lichttherapie
Was kann man gegen diesen „Winterblues“ tun? Das Schlagwort für die Therapie lieferte Goethe auf dem Sterbebett: „Mehr Licht!“ Licht ist die Sprache, die unsere innere Uhr versteht, und deshalb hilft gegen winterliches Trübsal­blasen viel helles Licht am Morgen, möglichst beim Frühsport im Freien. Nützlich ist auch eine helle Spezial­lampe über dem Schreibtisch. Bei einer gezielten Lichttherapie schaut der Patient täglich etwa eine halbe Stunde in eine ca. einen Meter entfernte Lichtquelle von 10.000 Lux (alternativ zwei Stunden bei 2.500 Lux). Der stimmungsaufhellende Effekt setzt nach ungefähr einer Woche ein.

Hormonelles Ungleichgewicht
Das primäre Ausgangssignal unserer inneren Uhr ist das „Schlafhormon“ Melatonin, das von der Zirbeldrüse bei Lichtmangel ausgeschüttet wird. Es erreicht im Winter besonders hohe Konzentrationen und kann deshalb in der dunklen Jahreszeit müde und antriebslos machen. Gegenläufig verhält sich das „Glückshormon“ Serotonin. Sein Spiegel im Gehirn wird von einem Transportprotein kontrolliert, das jahreszeitlich schwankt und dazu führt, dass im Winter ein relativer Serotoninmangel besteht.
Bei empfindlichen Personen kann dieses Ungleichgewicht von Schlaf- und Glückshormonen zur Depression führen. Deshalb ist zum Beispiel eine Behandlung mit Antidepressiva erfolgversprechend; sie erhöhen die Serotoninkonzentration an den zerebralen Schaltstellen, den Synapsen .
Interessant ist der molekulare Zusammenhang zwischen Licht und Hormonhaushalt. Bei einigen Reptilien und Vögeln spricht die Zirbeldrüse direkt auf Bestrahlung durch die Schädeldecke hindurch an, doch das ist bei unserem „Dickkopf“ ausgeschlossen. Vielmehr wird das biochemische Signal beim Menschen durch ein Protein namens Melanopsin in den Augen ausgelöst und über den Hypothalamus an die Zirbeldrüse gesendet. Deshalb wirkt die Lichttherapie auch nur, wenn die Strahlen auf die fotosensitiven Nervenzellen der Netzhaut fallen.
Übrigens: Die Vereinten Nationen haben das Jahr 2015 unter dem Motto Light for Change zum „Internationalen Jahr des Lichts“ ausgerufen. Anlass ist u. a. das 400 (!)-jährige Jubiläum der Solarenergie. Unter den politischen Beweg­gründen finden sich aber auch Lichtverschmutzung und Energieverbrauch. So dürfte die Forderung der UN manchmal auch lauten: „Weniger Licht!“


Dr. Michael Groß

Mitglied des Fachbeirats


Depression und Immunsystem