Aufklärung ist essenziell

1902 wurde die „Deutsche Gesellschaft zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten“ gegründet, aus der die heutige Deutsche STI-Gesellschaft zur Förderung der Sexuellen Gesundheit (DSTIG) hervorging (STI = sexually transmitted infections). Ihr erster Vorsitzender war der Dermatologe Albert Neisser, der 1879 den Erreger der Gonorrhö entdeckt hatte.
Die Mitgliederzahlen spiegeln die Bedeutung sexuell übertragbarer Krankheiten in der öffentlichen Wahrnehmung wider: Zehn Jahre nach der Gründung waren es bereits 5.000, nach dem ersten Weltkrieg sogar 10.000. Nach dem zweiten Weltkrieg verschwand die Gesellschaft fast völlig von der gesundheitspolitischen Bühne, um in den 1980er-Jahren mit dem Aufkommen von HIV/AIDS wieder eine größere Öffentlichkeit zu gewinnen. Heute ist die DSTIG eine interdisziplinäre Fachgesellschaft, deren Mitglieder aus Klinik und Praxis, dem öffentlichem Gesundheitsdienst und der Forschung (Medizin, Epidemiologie, Psychologie, Soziale Arbeit u. v. m.) rund um das Thema „sexuelle Gesundheit“ kommen.
Beim diesjährigen STI-Kongress im Juni wurde deutlich, dass bei sexuell übertragbaren Infektionen keine Entwarnung gegeben werden kann. Die fast in Vergessenheit geratenen „klassischen Geschlechtskrank­heiten“ Syphilis und Gonorrhö nehmen wieder zu, sexuell übertragbare Viren lösen schwerste Krankheiten wie Leberzirrhose und Gebärmutterhalskrebs aus, viele Frauen bleiben durch unbehandelte Chlamydieninfektionen kinderlos. Deshalb ist Aufklärung auch in unserem scheinbar „aufgeklärten“ Zeitalter essenziell, ebenso wie eine bessere Erfassung von Meldedaten, um genaue Erkenntnisse über die Ausbreitung von STI in Deutschland – und somit spezielle Versorgungsangebote – bereitzuhalten. Über 100 Jahre nach ihrer Gründung bleibt dieses Hauptziel der Gesellschaft weiterhin hochaktuell.

 

 


Prof. Dr. med. Norbert H. Brockmeyer
Präsident der DSTIG, www.dstig.de
Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie der Ruhr-Universität Bochum


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