Revolution in kleinen Schritten

Fortschritte der mikrobiologischen Diagnostik

Zunehmende Automatisierung, hochspezifische Point-of-Care-Tests und insbesondere die MALDI-TOF-Massenspektrometrie haben die Prozesse in der klinischen Mikrobiologie so stark beschleunigt, dass man fast von einer Revolution sprechen möchte. Wenn es wirklich schnell gehen muss – beispielsweise bei Verdacht auf Sepsis – erhält man heute innerhalb weniger Minuten eine Erregeridentifizierung mit dem molekularen Nachweis einiger ausgewählter  Resistenzgene. Das gilt vor allem für primär sterile Materialien wie Blut oder Liquor sowie für Gewebebiopsien und positive Blutkulturen.

ESBL-Platte zum Klebsiellen-Nachweis.

Beim Gros der Untersuchungsmateria­lien, also Wundabstrichen, Stuhl-, Sputum- und Urinproben, bleibt die Mischkultur aus Pathogenen und „Normalflora“ allerdings der Engpass jeder schnellen Analytik. Der Link zwischen Resistenz und Spe­zies ist hier weiterhin nur auf Basis von Einzelkolonien möglich – und das beinhaltet leider auch die vergleichsweise langwierige Anzucht mit all ihren Tücken (schlecht oder überhaupt nicht wachsende Keime, induzierbare Resis­tenzen, die auf der Platte nicht erkennbar sind usw.).
Dass die Revolution nur recht langsam voran­kommt, liegt auch an den hohen Investitions- und Verbrauchskosten. Bei Gerätepreisen von über 150.000 € plus etwa 10% Wartungskosten pro Jahr und rund 20 Cent pro Speziesbestimmung amortisiert sich MALDI-TOF erst ab mehreren hundert Einsendungen pro Tag. Im POCT-Bereich belasten Multiplex-PCR-Kassetten mit 10 bis 50 € pro Erreger(gruppe) das Laborbudget ebenfalls erheblich.
Auf den nächsten Seiten werden weitere durchaus revolutionäre Neuentwicklungen vorgestellt, so etwa die LC-MS/MS zum schnellen kinetischen Nachweis von Resis­tenzen; sie liegen allerdings hinsichtlich Preis und Aufwand im Vergleich zu MALDI-TOF noch einmal deutlich höher.
Ähnliches gilt für die Hochdurchsatzsequenzierung (NGS), deren Einsatz sich deshalb eher auf forschungsintensive Einrichtungen wie HZI (S. 96) und RKI (S. 98) beschränkt. Vorstellbar ist aber durchaus, dass eines Tages mit diesem Ansatz die Zuordnung von Resistenzen zur Spezies bioinformatisch erfolgen kann. Doch das liegt momentan noch außerhalb der Reichweite des Routinelabors. Vorerst kommt auch modernste Technik an der guten alten Reinkultur nicht vorbei. 


Prof. Dr. Udo Reischl
Universitätsklinikum Regensburg, Institut für
Klinische Mikrobiologie und Hygiene


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