Gestörte Kommunikation

Das neue pathogenetische Modell der Parodontitis

Neue Sequenziertechniken verändern unser Bild von der Pathogenese der Parodontitis fundamental: Es handelt sich bei dieser chronischen Entzündung offenbar nicht so sehr um einen Angriff einzelner pathogener Bakterien auf die Mundschleimhaut, als vielmehr um eine Störung der symbiotischen Beziehung zwischen den Mikroorganismen untereinander sowie mit dem Immunsystem ihres Wirts. Für die Diagnostik resultiert daraus die Notwendigkeit, sich mit der Sequenzierung des Mikrobioms auseinanderzusetzen, und in der Therapie muss man sich künftig verstärkt auf die Beeinflussung von Virulenzfaktoren fokussieren, um das gestörte symbiotische Gleichgewicht wiederherzustellen.
Schlüsselwörter: Parodontitis, Mikrobiom, Metatranskriptom, Keystone-Bakterien, Pathobionten, Virulenzfaktoren

Nach dem Darm ist die Mundhöhle das Kompartiment mit der größten mikro­biellen Diversität im menschlichen Körper. Zurzeit erhält die Infektionsforschung starke Impulse durch die vollständige Aufschlüsselung dieses Mikrobioms (der Gesamtheit aller dort vorkommenden Genome) – mit dem Ergebnis, dass der seit vielen Jahren beschworene Paradigmenwechsel in der Infektiologie nun wirklich stattfindet und Eingang in die Diagnostik und Therapie der Parodontitis findet. Dabei zeigt sich, dass der Begriff Pathogenität komplexer ist als bisher gedacht: Es geht heute gar nicht mehr so sehr um den spezifischen Angriff be­stimmter Spezies, als vielmehr um eine krankhafte Kommunikation (ill communication) zwischen allen mikrobiellen Besiedlern eines Habitats und dem Immunsystem ihres Wirts.
 

Abb. 1: Das neue Modell der mikrobiellen Synergie und Dysbiose. Grün dargestellt sind die sogenannten Keystone-Bakterien wie zum Beispiel Porphyromonas gingivalis.

Die Fachbegriffe symbiotische Kommunikation und kontrollierte Immunität bedeuten in diesem Zusammenhang nicht nur, dass als harmlos eingestufte Bakterien vom Immunsystem geduldet werden, sondern dass sich Mikroorganismen und Wirt gegenseitig aktiv stimulieren und hemmen. So kommt ein Regelkreis zustande, bei dem die kontrollierte Stimulation des Wirts­immunsystems durch die kommensalen Bakterien die Gesundheit des gesamten Habitats im Mundraum fördert.

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Dr. med. Rudolf Raßhofer

MVZ Labor Bavariahaus

Augustenstr. 10, 80333 München

rasshofer[at]labor-bavariahaus[dot]de