Komplexer als erwartet

Aufbau einer zentralisierten Biobank

Zentralisierte Biobanken gehören heute zu den unabdingbaren Einrichtungen vieler Universitätskliniken. Allerdings wird der Aufwand für den Aufbau einer solchen „Core Facility“ meist unterschätzt. Ein Erfahrungsbericht.
Schlüsselwörter: Biobanking, RWTH cBMB, Zentralisierung, Datenschutz

Eine Biobank sammelt feste und flüssige menschliche Biomaterialien wie etwa Restgewebe von Operationen, Blut oder Urin. Das Bild oben zeigt beispielhaft die Lagerung bei -80 °C in Boxen, die eine hocheffiziente Aufbewahrung von jeweils 96 Röhrchen mit 2-D-Barcode ermöglichen. Voraussetzung für die Sammlung ist, dass der Patient vorher sein schriftliches Einverständnis gegeben hat. Das Biomaterial kann dann für Forschungsprojekte verwendet werden, zum Beispiel mit dem Ziel, neue Pathomechanismen aufzudecken oder individualisierte Therapien zu entwickeln.
Seit vielen Jahrzehnten werden Biomaterialsammlungen in Kliniken und pathologischen Instituten erfolgreich etabliert und für Forschungszwecke genutzt. Hingegen ist der Aufbau und die Vernetzung von zentralisierten Biobank-Strukturen (mit assoziierten Biodatenbanken), gemeinhin als cBMBs bezeichnet, in Deutschland eine noch junge Zielsetzung der Forschungsförderung, die insbesondere durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) unterstützt wird.
Am Universitätsklinikum der RWTH Aachen gibt es seit 2008 Initiativen, eine zentralisierte Biomaterialbank (die heutige RWTH cBMB) aufzubauen. Nachdem die Einwilligungserklärung zur Material­sammlung von der Ethikkommission genehmigt und erste Investitionen in ein zentrales Gefrierschrank-Lager und ein Biobank-Managementsystem zugesagt waren, konnte die RWTH cBMB 2010 erfolgreich an der BMBF-Ausschreibung zur „Nationalen Biomaterialbanken Initiative“ teilnehmen – als kleinste Biobank neben den größeren Biobanken in Berlin, Heidelberg, Kiel und Würzburg.

Die Leiterin des Biobank-Laborbereichs an der RWTH Aachen entnimmt Biomaterial­proben aus einem Stickstoff-Tank.

Eine cBMB ist mehr als eine neue Core Facility
Trotz finanzieller Förderung durch das BMBF zeigt sich, dass der Aufbau einer zentralisierten Biomaterialbank eine beträchtliche Herausforderung darstellt, die über die Etablierung einer neuen Core Facility weit hinausgeht, da neben technischen und organisatorischen auch ethische, juristische und datenschutzrechtliche Aspekte eine wichtige Rolle spielen. Hier ist die intensive Zusammenarbeit der cBMB mit der lokalen Ethikkommission, Rechtsabteilung und dem Datenschützer der Schlüssel zum Erfolg. Bedacht wurde in Aachen zum Beispiel die Einbindung von Biomaterial aus Lehrkrankenhäusern oder von externen Partnern der beteiligten Kliniken. Auch der Einsatz neuer technologischer Entwicklungen, wie die hochparallele Sequenzierung (NGS) an Biomaterialien musste gemeinsam mit Ethikkommission, Rechtsabteilung und Datenschützern besprochen werden.
Darüber hinaus ist der Dialog mit den einliefernden Kliniken wichtig, nicht nur auf Chef- oder Oberarztebene, etwa zu geplanten längerfristigen Forschungsprojekten oder Strategien, sondern auch auf Ebene der Assistenzärzte und des Klinikpersonals, die das Biomaterial betreuen, bis es in die Biobank gelangt. Dafür ist es hilfreich, allen Beteiligten die Arbeit der Biobank und ihrer Mitarbeiter vor Ort zu zeigen und konkrete Ansprechpartner zu definieren. Die Vorverarbeitung des Biomaterials richtet sich danach, was später daran erforscht werden soll. Hier werden Biobank und beteiligte Pathologen aufgrund ihrer langjährigen Expertise oft beratend tätig.
Verfahrensanweisungen oder Vorgaben, an denen man sich für den Aufbau und die Vernetzung zentralisierter Bio­banken, deren Daten- und Qualitätsmanagement orientieren kann, gibt es weder in Deutschland noch andernorts. Man könnte es mit dem „Projekt Mondlandung“ vergleichen: Das Fernziel liegt klar vor Augen (hier: eine Biobank als Powerhouse für die biomedizinische Forschung bei möglichst effizienten und kostengünstigen Strukturen), aber der Weg dorthin ist neu. Folglich muss man bei unerwarteten Hindernissen improvisieren und neue Strategien entwickeln; das gilt insbesondere für die IT-Seite des Biobankings, die vom Nutzer fast nie gesehen bzw. als fertig entwickelt betrachtet wird. Die Software für das Biobanking ist aber nie „fertig“, sondern bedarf der ständigen Weiterentwicklung.
Sehr hilfreich für die Etablierung von Biobanking-Standards sind zum einen der Austausch zwischen den deutschen cBMBs, der – unterstützt durch die TMF e. V. – in regelmäßigen Abständen über Telefonkonferenzen sowie persönliche Treffen erfolgt, zum anderen der externe wissenschaftliche Beirat. Hier kann die RWTH cBMB unter anderem auf das Fachwissen von Frau Dr. Herpel, einer der erfahrensten Biobänkerinnen Deutschlands, zurückgreifen. 

 

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Univ.-Prof. Dr. Edgar Dahl

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