Trillium Krebsmedizin

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ASH 2016: Neues zur Bekämpfung der Graft-versus-Host-Reaktion

Editorial

Wie am Anfang jedes Jahres enthält dieses Heft von Trillium Krebsmedizin ausführliche Berichte vom amerikanischen Hämatologen-Kongress in San Diego – überwiegend von ausgewiesenen Fachleuten aus dem wissenschaftlichen Beirat verantwortet – und vom größten Brustkrebs-Kongress weltweit, dem San Antonio Breast Cancer Symposium.

San Diego

Sie finden Zusammenfassendes zu Multiplem Myelom, malignen Lymphomen, ALL und AML sowie zu myeloproliferativen Neoplasien. Ein spannendes Kapitel in der Hämatologie stellt in den letzten Jahren die Entwicklung neuer Formen von Zelltherapien dar: Die allogene Stammzelltransplantation ist seit Langem für viele Patienten, die zum Beispiel an fortgeschrittenen akuten Leukämien leiden, die einzige kurative Behandlungsoption. Dabei werden zwei therapeutische Prinzipien genutzt: Leukämische Zellen, die erstens die myeloablative Chemotherapie überlebt haben, sollen im zweiten Schritt durch den immunologischen Angriff der Spenderzellen eradiziert werden. Leider beschränken sich die Spenderzellen nicht darauf, die malignen Zellen zu attackieren – die Graft-versus-Host-Reaktion (GvHD) ist eine häufige und nicht selten letale Komplikation dieses Behandlungsansatzes. Neue Therapien, etwa mit CAR-T-Zellen, über die vor allem im Beitrag über die akute lymphatische Leukämie berichtet wird, versuchen das zu umgehen, indem eigene zytotoxische T-Zellen des Patienten mit einem gentechnisch eingeführten Antikörper-artigen Rezeptor ausgestattet werden, sodass die malignen Zellen – und nur diese – angegriffen werden. Ein Vorteil gegenüber klassischen Antikörpern besteht darin, dass die CAR-T-Zellen sich im Körper vermehren, dort verbleiben und einen langfristigen Schutz vor eventuell doch verbliebenen Tumorzellen bieten. Die hohe Spezifität gegen ein Tumorantigen verhindert bei diesem Ansatz weitgehend Immunreaktionen gegen gesundes Gewebe.
Die Technologie der CAR-T-Zellen ist extrem aufwendig und wird auf absehbare Zeit sicher nicht die allogene Transplantation ersetzen können. Deshalb wird weiterhin nach Möglichkeiten gesucht, die GvHD abzuschwächen oder zu vermeiden. Zu einem interessanten Ansatz wurde in der Late-Breaking-Abstracts-Sitzung in San Diego eine Phase-II-Studie präsentiert [Miklos D et al. ASH 2016, Abstract #LBA-3]:
In der Pathophysiologie der chronischen GvHD spielen neben T- auch B-Lymphozyten eine Rolle, so David Miklos, Stanford, und diese werden durch Ibrutinib, einen Inhibitor der Bruton-Tyrosinkinase (BTK) im B-Zell-Rezeptor-Signalweg, gehemmt. Außerdem inhibiert Ibrutinib die Interleukin-2-induzierbare T-Zell-Kinase (ITK). In der multizentrischen Studie erhielten deshalb 42 Patienten, deren chronische GvHD auf bis zu drei vorhergegangene Therapien (darunter auf jeden Fall Kortikosteroide) nicht angesprochen hatte, Ibrutinib in der auch zur Behandlung der CLL gebräuchlichen Dosierung von 420 mg pro Tag. Die Patienten hatten vorher median mehr als ein Jahr an der GvHD gelitten und waren mit median zwei verschiedenen Therapien dagegen behandelt worden.
Nach median 14 Monaten Nachbeobachtung hatten zwei Drittel der Patienten auf die Ibrutinib-Behandlung angesprochen, jeder fünft sogar mit einer kompletten Remission der chronischen GvHD. Bei 20 der 28 Patienten dauerte die Remission mindestens 20 Wochen, bei jedem zweiten mindestens 32 Wochen an, und die Steroide konnten bei drei Viertel aller Responder auf unter 0,15 mg/kg und Tag gesenkt, bei fünf Patienten ganz beendet werden. Damit einher ging eine deutliche Abnahme der Symptomatik sowie eine Abnahme von Plasmaparametern, die mit Entzündung, Fibrose und chronischer GvHD in Verbindung gebracht werden. Nachdem auch keine bislang unbekannten Toxizitäten beobachtet wurden, stellt der BTK-Inhibitor eine vielversprechende Option zumindest zur Abschwächung der chronischen GvHD dar, der unbedingt weiter untersucht werden sollte, so Miklos. Tatsächlich hat Ibrutinib für diese Indikation im vergangenen Jahr bereits eine Break­through Therapy Designation von der FDA erhalten.

San Antonio

Zwar gab es in San Antonio dieses Mal keine wirklich großen Durchbrüche, aber an interessanten Entwicklungen mangelte es dennoch nicht: Präzisere Empfehlungen für den Einsatz einer erweiterten adjuvanten endokrinen Therapie, neue, wenngleich noch nicht durchgehend schlüssige Resultate zur Rolle tumorinfiltrierender Lymphozyten sowie der pathologischen Komplettremission unter einer neoadjuvanten Therapie gaben etwa beim frühen Mammakarzinom genug Stoff zum Nachdenken und zur Planung neuer Studien.

Neue TNM-Klassifikation

Von vielen vielleicht noch nicht bemerkt erschien in den letzten Tagen des vergangenen Jahres die achte Auflage der TNM-Klassifikation maligner Tumoren. Die Pathologin Sabine Siegert hat sich die Mühe gemacht, Änderungen gegenüber der alten Auflage zu identifizieren und ganz aktuell für die Leser von Trillium Krebsmedizin aufzubereiten.